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US-Notenbank gibt offiziell ihr Inflationsziel auf

Der Präsident der US-Notenbank (FED), Jay Powell, hat Ende August einen historischen Richtungswechsel in der Geldpolitik verkündet. Wie in unseren früheren Marktkommentaren immer wieder betont, ist der weltweite Schuldenberg nur auf zwei Wegen zu bekämpfen: Eine Streichung der Schulden und/oder deren Entwertung durch Inflation. Der erste Weg ist mit kurzfristig sehr intensiven ökonomischen, politischen und sozialen Schmerzen verbunden und daher (noch) nicht im politischen Mainstream angekommen. Eine Inflationierung aber, wenn sie denn gelingt, ist ein langsamer und schleichender Prozess. Nicht weniger schmerzhaft, aber eben nicht mit kurzfristigen Verwerfungen verbunden. Somit ist es nicht verwunderlich, dass der FED die Inflationsbekämpfung in ihrer Prioritätenliste weit nach hinten geschoben hat. Als weitere Bastion einer stabilitätsorientierten Geldpolitik hat nach der Europäischen Zentralbank, der Bank of England und vielen anderen sogenannten Währungshütern nun auch die US-Notenbank des Jerome Powell die Waffen gestreckt. Die lockere Geldpolitik wird zur neuen Normalität erklärt. Das strenge Inflationsziel, das bisher bei 2 Prozent lag, wird dafür de facto aufgegeben.

In einer vielbeachteten Rede verkündete Powell, die FED werde die Zinsen künftig nicht mehr anheben, wenn sich die Inflationsrate Richtung dem alten Ziel von 2 Prozent bewegt. Höhere Inflationsraten werden zuerst noch eine gewisse Zeit geduldet werden, ehe die Geldpolitik gestrafft werden muss. Die FED wird eine durchschnittliche Inflation anstreben; das heißt, die Inflation darf über das 2%-Ziel steigen, wenn sie zuvor geraume Zeit darunter lag. Aber falls die Inflation auf 5 oder 6 Prozent steigt, keine Anstalten macht zu fallen und sogar noch höher steigt? Dazu hat der FED-Chef gleich die

seiner Ansicht nach passende Antwort: Dann gelte es, die weitere Entwicklung im Auge zu behalten, ohne jedoch sofort Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die Inflation darf für längere Zeit auch über 2 Prozent liegen, wenn sie vorher darunter lag. Damit kann die Notenbank de facto Inflationspotenzial ansammeln, um die Preise bei nächst bester Gelegenheit in die Höhe schießen zu lassen. Denn nicht der Kampf gegen die Inflation, sondern die Erholung am Arbeitsmarkt habe oberste Priorität.

Die Welt schlitterte in die Corona-Krise mit einer Rekordverschuldung. Dies ist die Ursache, dass aus dieser, sonst verkraftbaren, Krise eine existenzielle wurde. Während sich die globale Wirtschaft mühsam erholt, versuchen die Staaten, Unternehmen und Arbeitsplätze zu retten. Bis die Pandemie soweit unter Kontrolle ist, dass die Wirtschaft wieder weitgehend normal laufen kann, werden die Staaten noch viel Geld ausgeben müssen. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IMF) dürfte sich beispielsweise in den USA die Schuldenquote auf 140 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausweiten.

Gleichzeitig werden die Einnahmen sinken, weil die Steuerbasis erodiert. Damit wird es nach der globalen Finanzkrise 2008/09 zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit zu einem sprunghaften Anstieg der Staatsschulden kommen. Es darf daher nicht verwundern, dass die kreditsüchtigen Staaten nach und nach alles aus dem Weg räumen, was ihnen die Geldbeschaffung erschweren könnte. Die Notenbanken unterstützen Sie dabei mit allen Kräften. Auch die FED.

Der Strategieschwenk der US-Notenbank ist ein wichtiges Signal für Anleger. Der Bedeutungsverlust der Geldwertstabilität wird nun von offizieller Seite bestätigt. Die nominalen Zinsen werden auf absehbare Zeit sehr niedrig bleiben. Viel wichtiger aber ist die Erkenntnis, dass tiefe nominale Zinsen von noch tieferen (meist negativen) realen Zinsen begleitet werden. Treue Leser unserer Marktkommentare wird diese Entwicklung nicht überraschen. Leidtragende der neuen Politik werden voraussichtlich wieder die Sparer sein. Sie zahlen die Zeche der geldpolitischen Rettung der Konjunktur und der Beschäftigung. Zur

Sicherung der Kaufkraft sollten daher langfristig die Cash-Bestände möglichst niedrig gehalten werden. Unterm Strich dürfte die neue Ausrichtung der FED die Aktienmärkte langfristig stärken, den Dollar schwächen sowie die Renditen für US-Anleihen auf niedrigem Niveau halten. Vieles spricht dafür, dass die Unterbrechung des Aufwärtstrends der Edelmetalle nur von kurzer Dauer ist.

Kann Inflation überhaupt entstehen?

Es stellt sich die Frage, ob im derzeitigen Umfeld Inflation überhaupt entstehen kann. Seit vielen Jahren versucht die FED und andere Notenbanken die deflationären Risiken einzugrenzen und die Inflationsraten in die Höhe zu treiben. Die Gründe für das Ausbleiben einer Geldentwertung nach offiziellen Berechnungsmaßstäben haben wir oft dargelegt. Inflation war ausschließlich bei Vermögenspreisen, nicht aber bei Konsumentenpreisen zu beobachten. Aus unserer Sicht ändern sich aber derzeit die Strukturen. Zunächst schwindet der deflationäre Sog der Globalisierung Stück für Stück. Handelsstreitigkeiten, Nationalismus und Protektionismus sind auf dem Vormarsch. Lieferketten werden regionalisiert und treiben damit die Kosten. Inwieweit die, aufgrund der Coronakrise, erwartbaren Insolvenzen das Güterangebot einschränken werden, sollte sich in den kommenden Monaten zeigen.

Mit großer Aufmerksamkeit verfolgen wir die Entwicklung der Geldmenge. Anders als noch in der Finanzkrise von 2008/09 kommt das neu geschaffene Geld heute nicht nur den Banken und dem Finanzsystem zugute. Die Staaten überweisen es den Bürgern und Unternehmen auch direkt auf deren Bankkonten (Transferleistungen, Helikoptergeld, …).

Zudem vergeben Banken kräftig Kredite und schaffen dadurch ebenfalls neues Geld. Das lässt in den USA die Geldmenge M2 (Bargeld, Sichtguthaben bei Banken plus längerfristige Bankeinlagen) bereits um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr wachsen. Das sind die größten Zuwachsraten, die jemals für diese Geldmenge gemessen wurden. Auch im Euroraum hat sich die Geldmenge im Juli auffällig stark ausgeweitet. Wie die Europäische Zentralbank mitteilte, legte die Geldmenge M3 gegenüber dem Vorjahresmonat um 10,2 Prozent zu. Das war der höchste Anstieg seit Mai 2008.

Der Kredithunger der Staaten und die Bereitschaft der Notenbanken, ihn zu stillen, sowie weitere Fiskalpakete werden die Geldmenge noch eine ganze Weile stark steigen lassen. Es gelangt sehr viel Geld in Umlauf. Ob dies weiterhin ausschließlich die Vermögenspreise aufbläht oder später auch die Verbraucherpreise bleibt abzuwarten. Aus unserer Sicht sprechen in den kommenden Jahren viele Argumente für ein breit angelegtes, weltweites Inflationsumfeld.

Aktueller Bezug: Kommendes US-Fiskalpaket

In den USA schwelt weiterhin ein Streit zwischen Republikanern und Demokraten um ein neues Fiskalpaket. Es geht sowohl um die Höhe, aber auch die Ausgestaltung. Angesichts der nahenden Präsidentschaftswahlen wird es früher oder später aus unserer Sicht wohl zu einer Einigung kommen, die Frage ist nur wann. Denn einen neuerlichen Absturz der Wirtschaft bzw. dramatischen Anstieg der Arbeitslosenzahlen kann sich keines der beiden Lager leisten.

Wie wichtig eine zeitnahe Lösung ist, wird deutlich, wenn man sich die ökonomische Entwicklung der vergangenen Monate in den USA vor Augen führt. Sämtliche Variablen der US-Wirtschaft erholen sich nach einem beispiellosen Einbruch nur mühsam: Importe, Exporte, Auftragseingänge, Industrieproduktion etc. Nur der für die USA so wichtige Konsum blieb stabil. Die Einzelhandelsumsätze haben sich nach kurzem Rückgang wieder auf den alten Höchstständen eingependelt. Ursache hierfür sind Staatshilfen: 1.200 USD „Helikopter-Geld“, 600 USD/Woche zusätzliche Arbeitslosenunterstützung (zusätzlich zum staatlichen Arbeitslosengeld), seien als Beispiele erwähnt. Als Konsequenz stieg im laufenden Jahr sogar das verfügbare Einkommen, obwohl der Arbeitsmarkt einbrach und sich aktuell nur langsam erholt. Entweder werden die Unterstützungen beibehalten oder es droht ein beispielloser Einbruch des Dienstleistungssektors.

Mit anderen Worten: Die Höhe des kommenden Fiskalpakets ist für die realwirtschaftliche Entwicklung der USA von steigender Bedeutung.

Unsere Einschätzungen in Kurzform

Die jüngsten makroökonomischen Entwicklungen haben unsere Einschätzungen bezüglich der wichtigsten Anlageklassen über die Sommermonate nicht grundlegend verändert. Nachfolgend lesen Sie eine Kurzübersicht:

Unternehmensanleihen:
Die negativen Realzinsen machen Staatsanleihen in Euroland uninteressant. Vereinzelt bieten sich immer wieder selektiv Chancen bei Unternehmensanleihen. Hierbei achten wir auf hohe Qualität der Emittenten und eine breite Diversifikation. Der Beitrag zum Portfoliorisiko aus dieser Anlageklasse soll möglichst niedrig gehalten werden.

Fremdwährungsanleihen: Fremdwährungsanleihen ergänzen den Anleihebereich. Dabei stehen weniger die Zinserträge im Vordergrund als vielmehr die Währungsdiversifikation des Gesamtportfolios. Derzeit bevorzugen wir CAD-, NOK- und USD-Anleihen mit hoher Bonität.

Aktien: Dividende und Substanz
Schwerpunkt der Strategie bildet das Portfolio aus substanz- und dividendenstarken Qualitätswerten. Aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsphase erwarten wir weiterhin weltweit eine intensive Suche der Anleger nach nachhaltigen Ausschüttungen.

Aktien: SmallCap
Unterbewertete kleine und mittelgroße Unternehmen bilden eine attraktive Beimischung mit hohem Potential. Auch hier liegt der Schwerpunkt auf soliden Geschäftsmodellen. Bei einer konjunkturellen Stabilisierung sollte sich der Umsatzanstieg sofort positiv auf die Gewinne auswirken.

Aktien: Value versus Growth
Aufgrund der deutlichen Bewertungs-ausweitung von Wachstumstiteln (Technologie) rückt unser Fokus zusehends Richtung attraktiver Bewertungen. Diese finden sich verstärkt in Europa. Die nächste Aufwärtsetappe des Marktes könnte von günstigeren Sektoren angeführt werden, die während der Erholung zurückgeblieben sind. So haben viele Unternehmen aus zyklischen Sektoren an der jüngsten Aufwärtsbewegung nur bedingt partizipiert.

Edelmetalle:
Eine weltweite deutliche Ausweitung der Geldmengen sowie negative Realzinsen sind ideale Voraussetzungen für weitere Kursanstiege der Edelmetalle. Da Notenbanken die Nominalzinsen niedrig halten, sollten zukünftige Inflationsanstiege eingeplant werden.

Rohstoffe:
Wir gehen davon aus, dass die massive Ausweitung der Geldmenge gepaart mit den fiskalischen Maßnahmen der Regierungen nicht nur die Vermögenspreise, sondern auch die Konsumpreise in den nächsten Jahren inflationiert. In einem solchen Umfeld bietet es sich an, auch einen Blick auf den Rohstoffsektor zu werfen (siehe nachfolgende Kolumne).

Volatilität:
Nach 11 Jahren Bullenmarkt rückt die „Verlustseite“ wieder ins Bewusstsein der Anleger. Die Nachfrage nach Absicherung steigt aufgrund der hohen Bewertungen und der sehr fragilen wirtschaftlichen Lage. Die Volatilitäts-Strategie sollte ihre Erholung fortsetzen können.

Gerne diskutieren wir mit Ihnen unsere Sicht der Dinge. Sprechen Sie uns bei Interesse gerne an.